Ein Projekt mit einem internationalen Halbleiterhersteller zeigt, was passiert, wenn Erfahrungswissen systematisch in digitale Arbeitsanleitungen überführt wird.
Ausgangspunkt war eine mehrseitige, textlastige Verfahrensanweisung für einen komplexen Rüstprozess. Die Nutzerbefragung vor Ort deckte typische Muster auf: Erfahrene Fachkräfte sprangen direkt zu den Schritten, die sie kannten und übersahen dabei gelegentlich sicherheitsrelevante Passagen. Weniger erfahrene Kolleginnen und Kollegen verloren sich im Fließtext und fragten nach, anstatt die Anweisung zu nutzen. Das Dokument war formal korrekt – aber im Arbeitsalltag kaum hilfreich.
Das Fraunhofer IFF analysierte den Prozess gemeinsam mit Expert:innen und Novizen: Wo entsteht Unsicherheit? Was wird mündlich weitergegeben, obwohl es in der Anweisung stehen sollte?
Auf dieser Basis entstand eine überarbeitete Arbeitsanleitung:
- Ein Schnellstart-Block zu Beginn jedes Abschnitts gibt erfahrenen Fachkräften direkten Zugriff auf die wesentlichen Schritte – mit Sprungmarken zum ausführlichen Teil.
- Die detaillierten Arbeitsschritte folgen einem einheitlichen Zwei-Spalten-Format: Handlungsanweisung links, kontextuelle Ergänzungen und Bildplatzhalter rechts.
- Sicherheits- und Warnhinweise sind visuell eindeutig abgesetzt und über eine standardisierte Symbolbibliothek (ISO 7010) konsistent gekennzeichnet.
- Ein verlinktes Abkürzungsverzeichnis und eine Fortschrittsanzeige reduzieren Suchaufwand und kognitive Belastung im laufenden Prozess.
Ein ausgewählter Prozessabschnitt sank von knapp 3.000 auf rund 2.500 Zeichen im Hauptdokument – bei vollständigerem Informationsgehalt durch den ergänzenden Schnellstart. Eine zuvor getrennte Teilprozessanweisung konnte vollständig integriert werden. Nutzende bewerteten das überarbeitete Dokument als deutlich übersichtlicher und handhabbarer.
Parallel dazu entwickelte das Fraunhofer IFF eine didaktische Handlungshilfe, die das Unternehmen in die Lage versetzt, weitere Anweisungen eigenständig nach demselben Standard zu optimieren. Auf Basis einer systematischen Evaluation verschiedener KI-Ansätze entstand zusätzlich ein empfohlener Workflow: Gezielte KI-Funktionen in Word unterstützen die Textumstrukturierung an ausgewählten Stellen – bei voller Kontrolle durch den menschlichen Ersteller. Vollautomatische Lösungen erwiesen sich als weniger geeignet, weil Nachvollziehbarkeit und inhaltliche Verantwortung nicht delegierbar sind.